Expat Talk #3: „Am Schluss habe ich Rotz und Wasser geheult, als ich weggezogen bin.“

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Abschiedsbild am letzten Tag von sechs Jahren in Dijon

Diana, 33, Anthropologin und Verwaltungsbeamtin,
stammt aus Chemnitz und ist eine Weltenbummlerin, wie sie im Buche steht. Seit über neun Jahren lebt sie bereits im Ausland. Ihren Partner, der aus Frankreich stammt, lernte sie während des Studiums in den USA kennen und zog mit ihm später nach England. Vor dem Umzug nach Brüssel im Frühjahr 2016, lebten sie sechs Jahre in Dijon, Frankreich. Dort kamen auch die gemeinsamen Kinder zur Welt.

„Ich erinnere mich nicht an einen speziellen Moment, es sind so viele Entdeckungen und geteilte Momente…“

Du bist schon viel herumgekommen. Nun lebst du in Brüssel, wie lange möchtest du in Belgien bleiben?

So lange, bis sie mich hier nicht mehr wollen, gerne auch länger.

Was war dein tollstes Erlebnis während der Jahre im Ausland?

In Dijon war sicherlich die Geburt meiner beiden Kinder eines der tollsten Erlebnisse, aber die wären auch woanders zur Welt gekommen. Ich erinnere mich nicht an einen speziellen Moment, es sind so viele Entdeckungen und geteilte Momente mit Freunden und der Familie, die die Zeit so unvergessen machen werden. Und ansonsten gab es natürlich den ein oder anderen Sprachenschlamassel, der zu lustigen Situationen führte.

Wie sind die Umzüge für dich und deine Familie abgelaufen?

Nach Dijon bin ich mit meinem damaligen Freund und heutigen Ehemann und meiner damals noch ungeborenen Tochter gekommen. In Brüssel war ich erst drei Monate alleine und dann sind mein Mann und die zwei Kinder nachgekommen.

Wie ging es deiner Familie, haben sie sich schnell eingewöhnt?

In Dijon mussten meine Kinder ja erst noch geboren werden und sich so ganz generell ins Leben eingewöhnen. Ansonsten ist Frankreich eben ihr Heimat- und Geburtsland, egal wie sehr ihre Mama immer gegen das französische Bildungssystem meckerte.

Hier in Brüssel waren die Sommermonate ohne Peers und geregelte Abläufe doch erst recht schwer und langwierig für die Beiden. Seitdem aber die Grund- bzw. Vorschule angefangen hat, ist Vieles einfacher geworden, besonders auch für uns Eltern. Die Kinder haben schnell Anschluss gefunden, sprachlich gab es ja keine Hürden zu nehmen, das hilft sicherlich.

„Maximal hatte ich Bedenken, dass ich mit meinen rudimentären Französisch-Kenntnissen Probleme mit Ärzten und den Verwaltungsapparaten haben würde. Immerhin sollte ich dort ja ein Kind gebären.“

Hast du gezögert, bevor du dich für die Arbeit im Ausland entschieden hast?

Damals, als die Entscheidung fiel, von England nach Dijon zu ziehen, war ich Studentin. Ich hatte gerade erst mein Promotionsstudium angefangen, als ich ungeplant schwanger wurde. Wir entschieden uns für unser Kind. Mein Freund fand schnell Arbeit in Frankreich und so stand dem Umzug von England nach Frankreich eigentlich nicht viel entgegen. Wir hatten ja keine Wahl. Ich hätte in der Anthropologie ohne Promotion nie einen Job gefunden.

Welche deiner Bedenken vor dem Umzug haben sich später bestätigt?

Damals hatte ich nicht viele Bedenken, denn ich wohnte ja schon zum zweiten Mal im Ausland und würde nun in ein drittes Fremdland ziehen. Maximal hatte ich Bedenken, dass ich mit meinen rudimentären Französisch-Kenntnissen Probleme mit Ärzten und den Verwaltungsapparaten haben würde. Immerhin sollte ich dort ja ein Kind gebären. Gezögert habe ich nie. Auch wenn ich in England damals glücklich war, so liebte ich doch Frankreich und freute mich auf ein Leben in diesem schönen Land.

Wovon wurdest du positiv überrascht?

Ich war überrascht, wie man problemlos als „Freundin von …“ ins Gesundheitssystem aufgenommen und so ziemlich alles bezahlt bekommt. Positiv für mich damals als „arme“ Studentin, aber doch insgesamt eher negativ für den französischen Staat.

„Brüssel war für uns als internationale Familie die beste Entscheidung.“

Wie kam es zu der Entscheidung, erneut umzuziehen?

Dijon zu verlassen, war schwer. Aus sozialen Gründen wäre ich gerne dort geblieben oder hätte alle unsere Freunde gerne einfach mitgenommen. Aber Brüssel war für uns als internationale Familie die beste Entscheidung. Belgien ist multikulturell und wir sind zügig überall. Zur deutschen und französischen Grenze sind es jeweils zwei Stunden, notfalls findet man in Brüssel aber auch deutschsprachige Ärzte und Anwälte. Und was die Freunde betrifft, so muss man sich da einfach ein bisschen Zeit lassen. Mit den Schulen kommt das meist von ganz allein.

Was sind deine persönlichen Highlights in Frankreich?

Da fallen mir sofort das Essen und die Sprache ein, obwohl die ersten drei Jahre sprachlich wirklich problematisch waren. Es gibt viele Kita-Plätze. Es ist sehr unkompliziert, mit Freunden bei einem Glas Wein und Essen zusammen zu kommen. Wir haben viele Stadtfeste besucht. Es gibt tolle Wochenmärkte und schöne Landschaften.

Gibt es auch negative Aspekte aus Frankreich zu berichten?

Dazu gehören sicherlich das Bildungssystem, die Kitas und Schulen sowie die langweiligen Spielplätze. Ich habe brüllende und schlagende Eltern erleben müssen, und wie Kinder von klein an zu Erwachsenen getrimmt werden. Das Konkurrenzdenken wird schon im Vorschulalter vermittelt. Es gibt eine unnötige und überzogene Autorität gegenüber Kindern in öffentlichen Einrichtungen. Aufgefallen sind mir teilweise auch die Eintönigkeit und Ambivalenz der Franzosen und ihr Unvermögen fremde Sprachen zu sprechen (oder dies zu wollen) sowie das Desinteresse an anderen Kulturen.

Das sind ja viele positive sowie negative Eindrücke aus Frankreich. Welches Bild hast du bisher von Belgien?

Positiv finde ich die Schulpädagogik sowie die Nettigkeit, Offenheit und Pünktlichkeit der Belgier. Es gibt Abenteuer-Spielplätze und Parks, außerdem viele Wochenendveranstaltungen. Was mir in Belgien gar nicht gefällt, sind die vielen Autos auf zu wenigen Straßen. Es gibt viel zu viele Staus.

„Eine Deutsche hab ich durch Zufall an einem Sonntagnachmittag kennengelernt, die war wichtig für’s Überleben in den ersten drei Jahren.“

Was vermisst du aus deiner Heimat?

Meine Freunde und Familie. Außerdem vermisse ich Quark, DM, Tchibo und Schnee.

War es einfach, neue Freunde zu finden?

Nein, in Frankreich ganz und gar nicht. Eine Deutsche hab ich durch Zufall an einem Sonntagnachmittag kennengelernt, die war wichtig für’s Überleben in den ersten drei Jahren. Ansonsten muss ich sagen, dass ich erst nach circa vier Jahren anfing, mich sozial „angekommen“ zu fühlen. Dann, am Höhepunkt der sozialen Integrität und auch der kulturellen Akzeptanz von Unterschieden, also nach sechs Jahren, musste ich wieder weg. Ich denke schon, dass es vier bis fünf Jahre gedauert hat, bis ich mich freundesmäßig richtig glücklich gefühlt habe. Sicher liegt das immer auch ein bisschen mit daran, wie sicher man sich in der neuen Sprache fühlt.

Hast du in Belgien schon Kontakte geknüpft?

Hier habe ich durch die Schule natürlich schnell Anschluss gefunden. Auch habe ich jetzt Arbeitskollegen, was ich vorher nicht hatte. Von denen sind einige wenige wirklich nette Zeitgenossen. Von „Freunden“ kann ich nach nur sechs Monaten in Brüssel sicherlich noch nicht sprechen, aber von guten Bekannten.

„Keine Kultur ist besser als die andere, schon gar nicht ist die Eigene besser als die, die man gerade erst kennenlernt.“

Welche kulturellen Unterschiede sind dir während der Jahre im Ausland aufgefallen?

Ohjaaaaaa, sehr viiiieeeele! Man meint immer, Frankreich und Deutschland seien sich so ähnlich, aber das sind sie nicht. Das französische Vorschulsystem wird in Deutschland hoch gelobt. Aber welche deutsche Mutter würde ihr Kind schon gerne zehn Wochen nach der Geburt in eine Krippe stecken wollen … oder dann mit gerade mal 2,5 Jahren in eine Vorschulklasse mit 30 anderen Kindern und einem Erzieher Lehrer? Wir Deutschen sind viel mütterlicher bzw. väterlicher und familienbezogener als die meisten Franzosen, obwohl die Französinnen im Schnitt 0,9 Kinder mehr zur Welt bringen. Positiv hingegen ist, dass Franzosen arbeiten, um zu leben und um zu genießen. Die Einstellung zu gutem Essen (auch wenn es auf Dauer nervig sein kann, dass sich manche Gespräche in der Familie nur ums Essen drehen) und Genuss generell, ist wirklich lobenswert.

Belgien hingegen hat viel von vielen anderen Kulturen. Die richtige belgische Kultur kenne ich aber noch gar nicht.

Worin siehst du die Chance, wenn man im Ausland lebt und arbeitet?

Die Sprache, das Land und die kulturellen Gegebenheiten wirklich verinnerlichen zu können. Wirklich die Kultur und die Leute so kennen zu lernen, wie es in einem Urlaub oder selbst bei einem mehrmonatigen Aufenthalt nie sein würde.

Und, mal provokativ gefragt, was kommt nach Belgien?

Neues Land, neues Glück? Keine Ahnung, wir sind gerade erst in Belgien angekommen und ich könnte mir vorstellen, dass das hier ein dauerhaftes „zu Hause“ werden könnte.

Welchen wichtigen Hinweis hast du an andere Expats?

Akzeptanz. Akzeptanz für kulturelle Unterschiede und landestypische Eigenheiten. Manche Dinge sind „eben so, wie sie sind“. Sie können und sollen ja auch „anders“ sein, sonst hätte man nicht auswandern brauchen. Keine Kultur ist besser als die andere, schon gar nicht ist die Eigene besser als die, die man gerade erst kennenlernt. Gebt Euch Zeit mit der Sprache, sprecht so viel es geht die „andere“ Sprache. Habt Mut zur Lücke und keine Angst vor Fehlern. …und kauft den DM leer, wenn ihr mal wieder in der deutschen Heimat seid!

Was macht deine Expat-Geschichte so besonders?

Sie ist so voll von Höhen und Tiefen. Die ersten drei Jahre wollte ich nur aus Frankreich wieder weg und habe gegen das Land gewettert. Am Schluss habe ich Rotz und Wasser geheult, als ich weggezogen bin. Ich bin als „Freundin von …“ nach Frankreich gegangen und habe das Land als „Frau von …“ mit zwei zauberhaften, bilingualen Kindern verlassen. Ich habe Frankreich in vielen Facetten gesehen und kennengelernt. Ich kenne die Krankenhäuser und das Gesundheitssystem mehr, als mir lieb ist. Aber ich habe das wahre französische Leben gesehen und gelebt: im Einkaufsgeschäft, auf den Behörden, im Urlaub, im Restaurant, in der Frauenklinik, in der Kita, in der Schule, in einem Unternehmen, in einer Familie und vor allen Dingen in einem französischen Freundeskreis. Nur der Friedhof blieb mir glücklicherweise erspart.

Herzlichen Dank für das Interview und die ausführlichen Einblicke in die französische und belgische Kultur!

[Die Photos sind Eigentum der Interviewten.]

>>> Hier entlang für alle bisherigen Interviews!

7 Gedanken zu “Expat Talk #3: „Am Schluss habe ich Rotz und Wasser geheult, als ich weggezogen bin.“

  1. Pingback: „Karrierepfade“ – ich nehme euch mit auf (m)eine Reise | Karrierepfa.de

  2. Hi, ich fand das total spannend zu lesen. Ich kann die Probleme mit dem Schulsystem total nachvollziehen. Wir leben in Marokko und da ist es genau. Auch beim Stichwort schlagende und brüllende Eltern. Ich denke immer, ich komme vom Mars.

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    • Vielen Dank für dein Feedback. Ich werde es an Diana weiterleiten. Dir und deiner Familie wünsche ich noch eine gute Zeit in Marokko. Seid ihr befristet dort oder für immer ausgewandert? Ein tolles Land, ich war vor 16 Jahren einmal dort und habe die Zeit sehr genossen.

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